HAWtech-Tagung: Wie die Digitalisierung „produktive Sprengkraft“ entwickeln kann

Die „Hochschule von morgen“ stand im Mittelpunkt der Tagung der HochschulAllianz für Angewandte Wissenschaften (HAWtech) Ende September. Die Hochschule Darmstadt richtete das virtuelle Treffen unter dem Titel „Digitale Transformationsprozesse an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften“ mit rund 200 Teilnehmenden aus.

Die Digitalisierung wird die Hochschulen nicht nur bei den Lehrformaten, sondern vor allem bei der inhaltlichen Ausrichtung tiefgreifend verändern – darüber waren sich Teilnehmende aus Hochschulen und Politik einig.  Die Mitglieder der HAWtech sehen sich in einer guten Position für die kommenden Herausforderungen.

Während der Corona-Pandemie hat die Digitalisierung an den Hochschulen eine Dynamik bekommen, die unumkehrbar ist – so der Tenor der Teilnehmenden. Nachdem jetzt Lehrende wie Studierende mit den neuen technischen Möglichkeiten und den didaktischen Kniffen vertraut sind, wartet auf die Hochschulen nun die eigentliche Herausforderung: auf diesen Grundlagen die Hochschule der Zukunft zu gestalten.
Genau das war auch der Titel der Podiumsdiskussion, die zu den Höhepunkten auf der HAWtech-Tagung gehörte. Experten aus Hochschulen, Politik und Wirtschaft debattierten darüber, wie die „Hochschule von morgen“ aussieht. Dass die Digitalisierung kein Selbstzweck ist, sondern ein Hilfsmittel – das wurde schnell deutlich. „Es gibt so unterschiedliche Lerntypen, dass wir auf viele sich ergänzende Lernangebote setzen müssen“, sagte Prof. Dr. Arnd Steinmetz, der Vizepräsident für Digitalisierung und Internationalisierung der Hochschule Darmstadt. Eine tragende Rolle werde auch künftig der Campus spielen, auf dem Begegnung, Diskussion, Austausch, aber auch Reibung möglich sei: „Digitale Angebote sind wichtig, aber wir müssen sie zielgerichtet einsetzen. Wir wollen bewusst nicht zu einer Fernhochschule werden“, so Steinmetz.

Deutlich wurde bei der Podiumsdiskussion, dass die Frage nach der Digitalisierung an den Hochschulen nicht zu einer reinen technischen Antwort führen darf. Im Vordergrund sollte stattdessen die Überlegung stehen, welche Inhalte die Hochschulen vermitteln sollen – denn durch die Digitalisierung entsteht in erster Linie ein Bedarf für neue Inhalte. Dr. Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, betonte schon bei seinem Grußwort zu Beginn der Tagung, dass die HAW für die wirtschaftliche Entwicklung in ihren jeweiligen Heimatregionen eine Schlüsselrolle spielten. Im Zusammenspiel mit örtlichen Unternehmen seien sie wichtige Innovatoren.

„Unser Ziel ist es, berufsbefähigend auszubilden“, betonte Arnd Steinmetz von der h_da und zeigte auf, wie sich die Studiengänge bereits verändert hätten: „Der Maschinenbau geht immer stärker in Richtung Mechatronik, und im Bauingenieurwesen sind Building Information Systems zum Kernbestandteil geworden.“ Die Absolventen von heute hätten wegen dieser rapiden Änderungen der Berufs- und Arbeitswelt heute teilweise andere Kompetenzen als ihre Fachkollegen, die wenige Jahre zuvor den Abschluss gemacht haben.

Oliver Janoschka, der Leiter der Geschäftsstelle Hochschulforum Digitalisierung, mahnte die Hochschulen zu mehr Mut. „Hochschulen haben in der Digitalisierung die Pole Position und sollten sich dezidiert einbringen“, sagte er mit Blick auf den gesellschaftlichen Diskurs: „Wo anders als an den Hochschulen bietet sich die Möglichkeit, Ängste und Sorgen aufzugreifen und auf sie einzugehen?“ Gefragt sind bei der Digitalisierung längst nicht mehr nur Ingenieure und IT-Experten, sondern auch Wissenschaftler aus anderen Fachrichtungen. „Bei uns haben wir eine übergreifende Werkstatt zur Künstlichen Intelligenz“, führte Prof. Dr. Stefanie Molthagen-Schnöring, Vizepräsidentin für Forschung und Transfer der HTW Berlin als Beispiel aus ihrer Hochschule an; beteiligt sind dort beispielsweise auch Psychologen und Soziologen. „Das Ziel ist es, Perspektiven zusammenzubringen – und dadurch kann man auch Lehrende für das Thema begeistern, die sich für die Technik selbst nicht besonders interessieren.“ In dieser Zusammenführung von unterschiedlichen Perspektiven sieht Andreas Richter, der Präsident des Honda Research Institute, eine große Stärke gerade der europäischen Hochschullandschaft: „Technologie ist immer für den Menschen da“, fasste er seine Überzeugung zusammen. Die besten Assistenzsysteme in Autos etwa nutzten nichts, wenn sie bei vielen Fahrern in erster Linie Stress erzeugten. Und dieses Beispiel lasse sich auf das gesamte Thema Digitalisierung übertragen: „Usability und Akzeptanz“ seien entscheidend, dass sie zu einem Erfolg werde – und der europäische Ansatz, neben Technikforschern auch Geistes- und Sozialwissenschaftler einzubinden, sei deshalb sehr vielversprechend. „Die interdisziplinäre Herangehensweise an Technikthemen ist unser europäisches Alleinstellungsmerkmal“, sprang ihm Prof. Dr. Kristina Sinemus bei, die hessische Ministerin für Digitale Strategie und Entwicklung.

Was bedeutet das alles nun für das Studium der Zukunft? „Ich bin davon überzeugt, dass es nie wieder so sein wird wie vorher“, sagte Digitalministerin Sinemus. Sie stellte drei Ziele für die Hochschule der Zukunft zur Diskussion: Erstens die räumliche Flexibilität, dank der sich Lehrveranstaltungen von überall aus verfolgen lassen. Zweitens die zeitliche Flexibilität, durch die Studierende beispielsweise auch in Praktikumsphasen ihr Studium weiter verfolgen können. Und drittens ein „Pädagogik-Update“, wie Sinemus es nannte: „Wir haben die Möglichkeit, Didaktik neu zu denken!“ Oliver Janoschka vom Hochschulforum Digitalisierung mahnte dazu, die Studierenden in die Debatte um die zeitgemäße Ausgestaltung der Lehre stärker einzubeziehen – das berge eine „produktive Sprengkraft“: „Andere Formate erzeugen eine andere Beteiligungskultur“, ist seine Beobachtung: „Die Digitalisierung öffnet für Studierende die Tür zu einer neuen Rolle, in der sie stärker als Problemlöser und Gestalter gewertschätzt werden.“  

Die HAWtech habe als Hochschulverbund in der Digitalisierung eine einmalige Chance: Janoschka plädierte dafür, eine „hochschulübergreifende Landkarte“ zu erstellen, mit der man innerhalb des Netzwerks Ressourcen gemeinsam nutzen und die Stärken der Einzelnen auch für die anderen beteiligten Hochschulen nutzbar mache.

Arnd Steinmetz, Vizepräsident der h_da, appellierte an die Politik, die Digitalisierung an den Hochschulen zu unterstützen – mit dem benötigten Geld, aber auch mit einer gesteigerten Handlungsfreiheit. Durch Vorgaben und regulatorische Beschränkungen seien den Hochschulen viel zu oft die Hände gebunden, wenn es um vielversprechende Experimente gehe: „Mehr Freiraum“, sagte er, „ist auf diesem Weg für uns unabdingbar.“

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